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Wie kann man BNE neu bzw. anders denken?

Wir hatten gerade erst ein sehr spannendes und anregendes Austauschtreffen, in dem uns Dr. Jakob von Au Denkanstöße mitbrachte, wie BNE neu bzw. anders gedacht werden kann - und wie das für die Praxis des Draußenlernens fruchtbar gemacht werden kann.



 

Jakob stellte uns zunächst drei verschiedene Formen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) vor - ohne eine Form auf- oder abzuwerten. Worauf seine Ausführungen zurückgehen, siehst du am Ende des Artikels in den Quellenangaben.


  1. Zunächst die BNE 1 ("instrumental approach",). Sie ist in der Schule eher verbreitet und hat das Ziel, verschiedene, als moralisch gut geltende Werte und Handlungsmuster an die Lernenden zu vermitteln. Insofern ist sie zielorientiert und daher nicht ergebnisoffen. Beispiel: Die Schüler:innen lernen, dass Müll die Umwelt verschmutzt. Sie lernen, dass es wichtig ist, Müll zu trennen und ihn nicht einfach wegzuwerfen. In einer Müllsammelaktion sammeln sie Müll auf.

  2. BNE 2 ("emancipatory approach") dagegen ist dynamisch, prozessorientiert und ergebnisoffen. Das Ziel ist ein anders, denn alle sollen hier kritisch über BNE nachdenken und eigene Antworten finden, die eventuell ganz unterschiedlich sind. Es geht hier darum, Widersprüche und eine hohe Komplexität auszuhalten. Beispiel: Die Schüler:innen halten sich beispielsweise während ihres Draußentages regelmäßig im Wald auf. Dabei bemerken sie, dass Müll herumliegt, der sie eventuell stört - dies erleben sie ganz persönlich. Sie diskutieren über ihre Erfahrungen und Gedanken dazu. Vielleicht fragen sie sich, woher der Müll kommt und überlegen, was sie dafür tun könnten, das Problem des Verpackungswahnsinns etc. in den Griff zu bekommen, zumindest lokal. Idealerweise lernen sie, sich selbst an Veränderungsprozessen einzubringen und aktiv daran teilzuhaben. Sie erfahren sich als selbstwirksam, gleichzeitig erleben sie, dass es keine einfachen Antworten, dafür viele Widersprüche und vielleicht schwer aushaltbare Unverständlichkeiten gibt.

  3. Eine BNE 3 ("combined approach") wäre die Kombination aus beidem, also Wissenserwerb / Werteorientierung und Ergebnisoffenheit mit kritischem Hinterfragen. Es gibt zwar von der Mehrheit begrüßte Denk- und Handlungsweisen - aber gleichzeitig will man hier zum Hinterfragen anregen.


Danach folgte eine Grafik zur Umweltbildung von Willfried Janssen und Gerhard Trommer aus dem Jahr 1988 - die immer noch einen hohen Aktualitätsgrad besitzt. Wir besprachen, wie dies auf das Draußenlernen übertragbar ist. Jakob erwähnte, dass es in seinen Augen sinnvoll wäre, den Begriff "Wissen" mit "Interesse" zu ersetzen oder zu erweitern.



Zu diesem Impuls haben wir uns dann viele Fragen gestellt (siehe unten) - und uns die einen oder anderen Knallfrösche vor die Füße gelegt. 😉 Will sagen: WOW! Das war intensiv und bereichernd. Diejenigen, die nicht dabei waren, können einmal durch die nachfolgenden Notizen lesen und sich ihre eigenen Gedanken machen.


Wir fragten uns unter anderem:


Muss BNE immer von der negativen Seite gesehen werden, sodass man etwas verändern WILL? Braucht es diese Tiefpunkte wirklich, oder können wir auch durch eine Verbundenheit mit der Natur und der Welt in ein moralisches Handeln kommen? (Verweis auf die Theorie U)

 

Inwiefern hat das Alter der Lerngruppe in der Praxis einen Einfluss auf die Art, wie BNE gestaltet ist? Also: Wie kann eine BNE für Erstklässler*innen gestaltet sein, deren Handlungsmöglichkeiten bzw. deren Potenzial, an den systemischen Ursachen etwas zu verändern, durch ihr Alter stark begrenzt sind?  

 

Wie können wir den Wissenserwerb in der Schule, der fast immer als Hauptziel von Schule und damit als sinnvoll und indiskutabel dargestellt wird, so verändern, dass das Interesse der Lernenden berücksichtigt wird? Folgt aus einem individuellen oder kollektiven Interesse nicht automatisch (ein nachhaltiger…) Wissenserwerb?

 

Ist die Zeigefingerpädagogik – also z. B. das Berechnen eines ökologischen Fußabdruckes, der zeigt, wie viele ungute Spuren wir alle (mehr oder weniger) auf der Erde hinterlassen – wirklich zielführend bzw. verhaltensverändernd? Sollten wir nicht vielmehr unseren Handabdruck in den Blick nehmen, also das sichtbar machen, was wir tatsächlich schon tun bzw. tun können? (Verweis auf Germanwatch e.V. und deren HandprintHub)

 

Wird bei der schulischen BNE die Bedeutung politischer, demokratischer „Hebel“ ausreichend einbezogen bzw. berücksichtigt? Wie kann dieser Punkt gestärkt werden?

 

Wie können wir das Lernen in der Schule mit Emotionen verbinden? Wo bietet gerade das Draußenlernen Chancen zu einem emotional verknüpften Lernen, welches ein moralisches Handeln zur Folge haben könnte? Welche Rolle spielt dabei die Auswahl der Lernorte? Also: Wo ist transformatives Lernen besonders gut möglich?

 

Wie halten wir es aus, als Lehrkräfte in der Schule ergebnisoffene Transformations- und Lernprozesse zu begleiten? Wie können wir Kinder darauf vorbereiten, eine Ambiguitätstoleranz aufzubauen – wenn wir möglicherweise selbst damit Schwierigkeiten haben? Wie können wir ihnen das vorleben? Wie können wir sie selbst ausbauen?


Was denkt ihr dazu? Kommentiert gerne unter diesem Artikel oder in unserem Discord-Forum!



 

Quellenangaben:


Die Ausführungen zu BNE 1 ,2 und 3 gehen zurück auf


  • Rieckmann, M. (2016): Bildung für nachhaltige Entwicklung - Konzeptionelle Grundlagen und Stand der Implementierung. In: Schweer, M. (Hrsg.) Bildung für nachhaltige Entwicklung in pädagogischen Handlungsfeldern. Grundlagen, Verankerung und Methodik in ausgewählten Lehr-Lern-Kontexten, S. 11 ff.


sowie auf


  • Vare, P., Scott, W. (2007): Learning for a Change: Exploring the Relationship between Education and Sustainable Development. In: Journal of Education for Sustainable Develoopment, Jahrgang 1, Nr. 2, S. 191-198. und Wals A., (2011): Learning Our Way to Sustainability. In: Journal of Education for Sustainable Development, Jahrgang 5, Nr. 2, S. 177-186.

  • Näheres kannst du unter https://meine-bne.de/ --> BNE für Expertinnen --> Kompetenzen nachlesen.

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